brainpatterns_kopfarbeit-003Fragen Sie im IT oder Management-Umfeld doch mal eine beliebige Gruppe, wer alles noch handwerklich oder körperlich arbeitet. Die Hände werden sich zögerlich heben – je nach dem, wie sehr Kindererziehung als Arbeit anerkannt wird. Im Erwerbsberuf geht der Anteil gegen Null.

Wir sind Kopfarbeiter_innen

Kein Wunder! Eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung besagt, dass in den nächsten Jahren rund 42% aller Arbeitsplätze durch Automatisierung verschwinden werden. In unserem Kultur- und Wirtschaftskreis sind also die Kopfarbeiter_innen gefragt. Alle die erfinden, entwickeln, erziehen, vermitteln, beraten, verkaufen… und davon leben (werden / müssen), dass ihr Verstand zuverlässig arbeitet, sie gute Beziehungen zu Kolleg_innen und Geschäftspartner_innen unterhalten und ihre Kreativität und Resilienz am besten niemals versiegen.

Ein guter Anlass, sich mit unserem sozialen Organ zu beschäftigen: Dem Gehirn.

Die leistungsstärkste IDE überhaupt

brainpatterns_kopfarbeit-005Die technischen Details dieser leistungsstärksten IDE überhaupt sind beeindruckend: Von 100 Milliarden Neuronen ist da die Rede, die untereinander 1000 Milliarden-fach verknüpft sind. 11.000.000 bits soll unser assoziatives Netzwerk jede Sekunde verarbeiten. Und obwohl das Gehirn nur 2 – 3 % der gesamten Körpergewichts ausmacht, verbraucht es doch rund ein Viertel unserer aufgenommenen Energie und ein Drittel unseres eingeatmeten Sauerstoffs.

Brain Patterns: Der Falle Ihres Gehirns entkommen

Wir haben sechs ‚Brain Patterns‘ zusammengestellt, die entscheidend für die Teamperformance und die Entwicklung erfolgreicher Produkte sind. Diese Entwurfsmuster für mentale Prozesse zu kennen, ermöglicht besser zu verstehen, worauf Sie in der Zusammenarbeit und bei der Gestaltung effizienter Arbeitsprozesse achten können, um der Falle Ihres eigenen Gehirns zu entkommen – insbesondere in agilen Zusammenhängen.

Die Bedeutungsmaschine ist wohl die zentrale Funktion Ihres Gehirns: Die Welt um Sie herum wahrnehmen und Ihnen eine „gute“ Interpretation davon anbieten. Je nach dem, was Sie schon wissen (zu der Welt oder einem beliebigen Thema) und wie es Ihnen gerade geht. Haben Sie Hunger? Gehen Sie eine vertraute Geschäftsstraße entlang und Sie werden erstaunt sein, wieviele Gaststätten Sie dort plötzlich entdecken (oder auch nicht…)

Dem „Jetzt & Hier“-Magneten in Ihrem Gehirn ist das Jetzt & Hier (& Meins) offenbar am allerwichtigsten. Deswegen bewertet es alles, was vor Ihrer Nase passiert, was Ihnen selbst passiert und was Sie jetzt tun oder haben können, höher als alles, was in weiter Ferne liegt, egal ob räumlich oder zeitlich. Wirklich? Lieber 1.000 Euro jetzt oder 1.200 € in einem Jahr?

Der Klemmende Schalter verhindert, dass Sie gleichzeitig über das „Was“ und das „Wie“ nachdenken können. Fangen Sie an über das „Was“ zu sinnieren, sind anscheinend andere Areale / Neutronenzusammenhänge aktiv, als wenn Sie das „Wie“ planen. Ganz ungünstig: Beide können wohl gleichzeitig nicht arbeiten. Und noch ungünstiger: Je öfter Sie das eine tun (=üben), um so schwerer fällt Ihnen der Wechsel in den anderen Modus.

Die Wippe im Kopf funktioniert so ähnlich wie der Klemmende Schalter. Oder besser gesagt: Funktioniert so gar nicht. Ihr Gehirn muss sich entscheiden. Denkt es abstrakt, fährt es  herunter, was es braucht, um sich sozial und empathisch zu verhalten. Ist es sozial unterwegs, dann kann es nicht auf den abstrakten Modus zugreifen. Vielleicht die Kollegin doch besser nicht stören, wenn sie gerade in ihrem Bildschirm abgetaucht ist.

Der Huckpacke-Reiter ist eine weitere „Effizienzmaßnahme“ Ihres Gehirns. Statt aufwändig mehrere Kreisläufe in Gang zu halten, setzt es auf multifunktionelle Nutzung. So werden soziale Schmerzimpulse auf dem gleichen „System“ wie körperlicher Schmerz verarbeitet. Worte können sich also wirklich wie Schläge anfühlen. Au!

Die Selbstliebe – hat eine Reihe von wunderbaren Auswirkungen. Natürlich nur für mich selbst. Ich bin die Beste in meinem Fach, umgebe mich am liebsten mit Menschen die ähnlich gut aussehen wie ich und stelle vor allem auch nur Leute ein, die so ticken wie ich. Wenn Fehler passieren, lag es sicher an den Umständen. Aber der letzte große Verkaufserfolg? Geht sicher einzig und allein auf mein Konto… (Ironie inklusive).

Drei Auswege

Sie können sich also getrost zurücklehnen. Ihr Gehirn kann gar nicht anders, als die typischen Situationen zu produzieren, die Ihnen im Berufsalltag begegnen. Kein Wunder also, dass Anforderungen schlecht dokumentiert werden, Ihre Kolleg_innen bizarre Architekturentscheidungen treffen, der Kollege aus den USA nicht gefragt werden muss bei der Roll-out Planung und niemand die essenziellen Backlog-Einträge priorisiert (außer Ihnen selbst). Achja, und geben Sie nur munter Feedback. Können Sie ja nichts dafür, wenn es anderen weh tut.

Im Ernst. Die „Voreinstellungen“ Ihres Gehirns zu verändern ist ein fast unmögliches Unterfangen. Zu vielfältig die Einflüsse, zu lang die Zeiten, in denen Sie unbewusst Dinge gelernt haben, die Ihnen jetzt im Wege stehen können. Sich in der Nische der Stereotypen und evolutionären Gegebenheiten einzurichten, gilt aber nicht. Schließlich gibt es durchaus praktikable Auswege, die Wirkung zeigen:

#1 Das eigene Gehirn verstehen

Finden Sie heraus, wie Ihr Gehirn funktioniert: Studien zeigen, dass wir besser lernen und zusammenarbeiten, wenn wir um die Mechanismen in unserem Hirn wissen. Mit diesem Wissen können Sie sich nämlich auf Situationen gezielt vorbereiten – z.B. ein gutes Umfeld und Rollenklarheit für Feedback schaffen, in schwierigen Situationen eingreifen – hey, ich glaube, wir kleben gerade am „Jetzt&Hier“-Magneten, vielleicht sollten wir die Kollegen aus dem Büro in Süddeutschland doch dazu befragen… und im Nachhinein für ein besseres Verständnis von Ereignissen sorgen – z.B. mit unserem Brain-O-Maten einschätzen, welche Brain Patterns in einer Situation wirksam gewesen sein könnten und was konkret Sie dagegen beim nächsten Mal tun können.

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#2 Austricksen by Design

Tricksen Sie Ihr Gehirn aus by design: Viel von dem was Sie wollen – oder gar moralischen richtig finden und deswegen wollen – bekommt Ihr Gehirn (also Sie!) schlicht nicht von alleine hin. Sie können sich hundertmal einreden, dass Sie frei von diesem oder jenen Vorurteil / Muster / Stereotypen sind. Allein Sie sind es nicht. Deswegen ist es wirklich eine gute Idee, Fotos und Namen von Lebensläufen zu entfernen. Oder mit einem Kanban-Brett sichtbar zu machen, wie schnell Ihr Team tatsächlich arbeitet.

#3 Meditieren

Meditieren Sie: Ja, wirklich! Auch hier zeigen Studien, dass regelmäßige Meditation dazu führen kann, dass wir mehr davon sehen, wie die Dinge wirklich sind, als unbewusst auf die Brain Patterns (und andere Muster) und ihre Interpretation einer möglichen Wirklichkeit einzusteigen. Zugegeben für einen messbaren Effekt müssen Sie schon sehr lange meditieren, aber manchmal führt „erstmal durchatmen“ ja schon zu guten Erfolgen.

* Die Philosoph_innen unter unseren Leser_innen mögen uns die Unschärfe verzeihen, mit der wir davon sprechen, dass Gehirn tue etwas, als sei es ein handelndes Individuum. Vielleicht können Sie sich mit einer metaphorischen Lesart anfreunden.

Die Brain Patterns auf der goto; conference in Berlin, Dezember 2015 (english)

Wir haben zu diesem Blogbeitrag auch einen Vortrag für die goto; Berlin 2015, die seacon 2016 und den JUG Saxony Day 2016 entwickelt. Sprechen Sie uns gern auf ein individuelles Format für Ihr Team oder Ihre Tagung an.

Quellen & Inspiration

  • Berkman, E. & Rock, D. (2012) Achieve Your Goals: Learn How To Hack Your Brain
  • Dobelli, R. (2014) The Art of Thinking Clearly, Harper Paperbacks
  • Kahnemann, D. (2012) Thinking, Fast and Slow, Penguin
  • Liebermann, M.D. (2013) Social: Why our brains are wired to connect, Oxford University Press
  • Lieberman, M.D. & Eisenberger, N. (2008) „The pains and pleasures of social life: a social cognitive neuroscience approach“ NeuroLeadershipJournal
  • MacDonald, Matthew (2008) Your Brain – The Missing Manual, O’Reilly
  • Siegel, D. (2012) Hand-Model of the Brain

Überarbeitet JUG Saxony Day (30. September 2016) – Version 1.2.
Dieser Blogartikel ist zuerst auf www.learnical.com erschienen (17. Mai 2016) – Version 1.1.

Foto: negativespace.co via pexels.com