Was hat eine Giraffe mit einem apricotfarbenen Turnschuh zu tun?

Im ersten Moment denkt man nichts, aber dann kommen die ersten Assoziationen. Giraffe und Turnschuhe? Was ist das denn und was ist das eigentlich für eine hässliche Farbe? In diesem Fall handelt es sich um die Beobachtung eines Kollegen, mit dem ich einen Termin zusammen vorbereite. Er hat andere Turnschuhe an als sonst. Sie sind apricotfarben. Irgendwie lenkt mich dieser Anblick ab und ich kann mich nicht richtig konzentrieren. Ich merke, dass ich unruhig werde und gereizt bin.

Eine andere Situation. Ich bin mit meinen Kolleg.innen auf einem Teamtag. Im Nachbarraum arbeitet eine Gruppe mit einem Trainer. Er hat die gleichen Schuhe an. Immer mal wieder sind sie draußen und so sehe ich sie - die apricotfarbenen Turnschuhe.  „Was ist denn das für eine modische Geschmacksverirrung?“ geht es mir durch den Kopf. „Wie kann man nur so hässliche Schuhe anziehen?“ Irgendwie lenkt mich dieser Anblick ab und ich kann mich nicht richtig konzentrieren. Ich merke, dass ich unruhig werde und gereizt bin. Das ist doch lächerlich, oder?

Mut fassen und das Thema ansprechen

Nun weiß ich von vornherein, dass ich diesen Menschen wahrscheinlich nicht wiedersehen werde. Aber mein Kollege hat hat ja auch solche Schuhe. Und irgendwie machen die was mit mir. „Wie würde ich so etwas ansprechen?“, schießt es mir durch den Kopf.

Es ist nicht leicht Themen anzusprechen, die uns unangenehm sind und es kommt schnell zu Missverständnissen oder Verstimmungen untereinander. Aber nichts sagen funktioniert auch nicht, denn schließlich lenkt mich das Ganze davon gerade ab, gut zu arbeiten. 

Wie klappt es Themen wertschätzend anzusprechen? 

Es gibt viele Möglichkeiten in der zwischenmenschlichen Kommunikation Themen offen anzusprechen. Eine davon beschreibt Marshall B. Rosenberg mit seinem Modell der gewaltfreien Kommunikation. Er verwendet in diesem die „Giraffensprache“. Es geht darum, die Beobachtung von der Bewertung zu trennen und auf die eigenen sowie die Gefühle des Anderen zu achten. Mit dieser Sprache geht es darum eine wertschätzende Beziehung zueinander zu pflegen. Sie schafft eine Verbindung zwischen dem eigenen Herzen und dem des Anderen. Nur wenn ich den anderen so akzeptiere, wie er ist und meine Beobachtungen an ihm nicht verurteile, gelingt es mir mit ihm auch kooperativ zusammenzuarbeiten. Dadurch lassen sich manche Themen viel wertschätzender ansprechen. 

Beobachten und nicht Bewerten

Doch das ist oft gar nicht so einfach. Menschen sind rasant schnell in ihren Beobachtungen und mindestens genauso schnell diese in Bewertungen umzuwandeln. Sie ordnen die Welt in Schubladen ein, um leichter durchs Leben zu geben. Leider entstehen dadurch aber schnell viele Missverständnisse im zwischenmenschlichen Miteinander. Der Trick ist daher seine Wahrnehmungen immer wieder zu reflektieren und nicht in Versuchung zu gelangen, alles Gesehene oder Gehörte für Absolut anzunehmen.

Also gut, was beobachte ich? Er hat Turnschuhe an. Diese sind apricotfarben. Ich bin nervöser als sonst und kann mich schlecht konzentrieren. Bewertet hatte ich das mit modischer Geschmacksverirrung und hässlichen Schuhen. 

Der richtige Ort – Retrospektiven

Im Rahmen unserer Arbeit verbringen viel Zeit mit unseren Kollegen.Innen und lernen ihre Sonnen-  und auch die Schattenseiten kennen. Um gemeinsam als selbstorganisiertes Team erfolgreich zu sein, brauchen wir das Vertrauen ineinander Themen die uns in der Zusammenarbeit stören, anzusprechen. Spätestens in jeder Retrospektive haben wir die Gelegenheit dazu. Daher ist es auch wichtig erst einmal nur Beobachtungen zu sammeln, ohne direkt Beurteilungen zu treffen. Übung macht da den Meister. Wir tappen schnell in die Beurteilungsfalle und schieben Menschen in bestimmte Schubladen. Das ist nicht nur unfair, sondern auch kontraproduktiv im Umgang miteinander, um gemeinsam für den Kunden den größten Wert zu schaffen. 

Giraffensprache

Die Gewaltfreie Kommunikation hat dazu ein Muster entwickelt, um emphatisch miteinander zu kommunizieren. Wir teilen erst unsere Beobachtung, dann die Gefühle die selbige in uns auslöst, denn was unser Bedürfnis ist und zum Schluss eine konkrete Bitte. 

Wie könnte ich meinem Kollegen also sagen was mich stört, ohne das er das Gefühl hat eine physische Backpfeife zu bekommen? Das ist gar nicht so einfach. Vielleicht wäre das eine Möglichkeit: „Stefan, mir ist aufgefallen, dass Du heute neue apricotfarbene Turnschuhe trägst. Diese Farbe macht mich ganz nervös. Sie erinnert mich an die vielen schmerzhaften Wespenstiche, die ich als Kind beim Essen eines Brötchens mit Aprikosenmarmelade hatte. Und ich kann mich gar nicht auf die Arbeit konzentrieren und würde das gerne fertig kriegen. Könntest Du die Schuhe hier im Büro vielleicht ausziehen? “ 

Vielleicht klingt es für ihn komisch. Die Gefahr gehe ich ein. Aber vielleicht reagiert er auch ganz verständnisvoll und wir finden gemeinsam eine gute Lösung. Mir ist durch diesen apricotfarbenen Turnschuh klar geworden, dass jeder Mensch seine eigene Landkarte hat, die durch Normen & Werte, Erziehung und Erfahrungen geprägt ist. Denn wir wissen einfach nicht, was derjenige schon alles erlebt hat. Und das die Giraffensprache mir dabei helfen kann Themen anzusprechen, die mir wichtig und damit für ein gutes Miteinander entscheidenen sind. Egal ob im Job oder im Privatleben.

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