Kennt ihr das, wenn es so Begriffe gibt bei denen euch ein wenig komisch ist, wenn ihr sie hört? Bei mir ist das der Begriff „Fehlerkultur“. Da fühle ich mich sofort unwohl. Denn häufig liegt diesem Begriff eine Annahme zugrunde, die Irrtum und Fehler nicht sauber auseinander hält. Und dies bringt allerlei Potential für Missverständnisse mit sich.

Fehler sind nicht gut

Bemüht man die Wikipedia zu dem Begriff Fehler so steht dort: „Ein Fehler ist eine Abweichung eines Zustandes, Vorgangs oder Ergebnisses von einem Standard, den Regeln oder einem Ziel.“ Wir alle kennen das aus unserer Schulzeit – es gibt klare Regeln nach denen wir schreiben und rechnen. Weicht man davon ab, dann ist das ein Fehler. Genauso ist es auch in allen anderen Bereichen, in denen es klar vorgegebene Standards oder Regelwerke gibt. Es ist festgelegt, wie etwas sein soll und alles was abweicht ist ein Fehler. 

So weit so gut. Die Fehlerkultur ist dann das, wie im allgemeinem damit umgegangen wird, wenn ein Fehler gemacht wird.

Ich bin stark durch meine Jahre in der Industrie geprägt. Dort haben wir uns intensiv damit beschäftigt Fehler zu vermeiden. Dazu gehören sogenannte Poka Yoke Beispiele aus dem Toyota Produktionssystem. Dabei ist es beispielsweise nur möglich, das jeweilige Maschinenteil in der richtigen Art und Weise in die Maschine zu bauen. Zu Hause benutzen manche von euch vielleicht den Trick, Dinge, die ihr nicht vergessen wollt in eure Schuhe zu legen. Das wäre dann Poka Yoke für den Hausgebrauch. Dinge so robust machen, dass sie nicht schief gehen können.

Angst zerstört Qualität

Weitaus mehr beschäftigt man sich allerdings damit, wie Menschen keine Angst davor haben zuzugeben, wenn ihnen ein Fehler unterlaufen ist. Denn für die Qualität, ist es eine Katastrophe, wenn Fehler vertuscht werden. Bei einem guten Qualitätsmanagement-System kann man darauf vertrauen, dass der Fehler schnell entdeckt wird, aber besser wäre immer, er passiert gar nicht erst. Wie also schafft man diese Kultur in der jede.r erzählen mag, wenn etwas nicht gut gelaufen ist? Auch da gibt es viele Ansätze, denen ihr schon begegnet seid. Sehr bekannt und beliebt sind aktuell sogenannte „Fuck-up nights“ bei denen Leute offen über die Fehler sprechen, die sie begangen haben.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, wie mein Gegenüber reagiert, wenn ich davon berichte, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich selbst habe eine Grundannahme, die mir in solchen Situationen immer sehr weiterhilft. Diese Annahme lautet: Keine.r steht morgens auf und überlegt sich wie er/sie den Tag für das Umfeld so richtig ruinieren kann. Wenn ich das in Workshops sage, müssen erfahrungsgemäß alle lachen. Zum Teil vielleicht auch, weil sie sich ertappt fühlen. Denn im Alltag sind viele von uns mit ganz anderen Annahmen unterwegs, die uns dann zu Furien werden lassen, wenn uns jemand von einem Fehler berichtet. Und das erlebt nun wirklich niemand gern zusätzlich zu der Erkenntnis, dass man gerade etwas falsch gemacht hat.

Irrtümer sind gut

Allerdings gibt es einen Punkt, der hat mit Fehlern nichts zu tun. Und daher kommt mein eingangs erwähntes Unwohlsein. Wenn ich mich in einem Feld bewege, in dem es noch gar keine Regeln und Standards gibt, dann kann ich per Definition auch keinen Fehler machen. Ich kann eine Hypothese aufstellen, die der Überprüfung durch das echte Leben dann nicht stand hält. Das kann mir schon passieren und ich habe dann die Chance etwas zu lernen. Aber ein Fehler ist das dann eben nicht. Es ist ein Irrtum. 

Mir ist diese Unterscheidung wichtig. Denn wir brauchen in komplexen Systemen genau diese Herangehensweise über Hypothesen und Ausprobieren, um zu verstehen, was funktionieren kann.

Nun begegnet mir der Begriff Fehlerkultur sehr häufig, wenn Menschen beim agilen Arbeiten über Irrtümer sprechen. Meist bohre ich dann nach. Ich will ergründen, ob sie wirklich den Umgang mit gemachten Fehlern meinen. Oder ob sie eine Arbeitsweise meinen, in der experimentiert werden darf und das Verständnis dafür da ist. Und wenig überraschend hängt beides oft zusammen. Dort, wo ich für Fehler den berühmten Kopf kürzer gemacht werde, fällt es schwerer sich auf Experimente einzulassen. Denn wer möchte sich hier schon irren?

Experimente sind strukturiert

In Workshops erwähne ich oft, dass Experimente nicht das sind, was wir von Beaker und Dr. Bunsen Honigtau aus der Muppet Show kennen. Und trotzdem scheint bei vielen Menschen eben dieses Bild in den Köpfen präsent zu sein, wenn sie das Wort Experiment hören.

Als Naturwissenschaftlerin weiß ich, dass Experimente immer zielgerichtet gemacht werden. Ich überlege mir vorher systematisch, was ich herausfinden oder bestätigen will. Dementsprechend setze ich dann mein Experiment auf und dokumentiere genau, was ich beobachte und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen. Und wenn etwas anderes dabei herauskommt, als ich erwartet habe, dann habe ich mich geirrt. Auf jeden Fall habe ich etwas gelernt. Und das zeigt, dass ein Irrtum hilfreich sein kann und daher nicht wie ein Fehler vermieden werden soll.

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