Neulich diskutierte ich mit einem Team über ihr Minimalprodukt (MVP) und dabei kamen Erinnerungen an meine Erfahrungen mit einem ganz besonderen Minimalprodukt hoch, bei dem ich behaupte, dass es auf keinen Fall Liebe auf den ersten, sondern eher auf den 10. Blick war.

Perfektion als Bremsklotz

Bevor ich einen Coworking Space aufgebaut und geleitet habe, habe ich einen nicht unerheblichen Teil meiner Zeit in die Planung und Vorbereitung dieses Ortes gesteckt. Und ich erinnere mich noch sehr gut an eine Diskussion über das Thema Kaffeemaschine. Unser kleines Projektteam von fünf Menschen saß zusammen und wir diskutierten, ob man für einen Coworking Space eine besondere Kaffeemaschine braucht. Nun muss man dazu wissen, dass diese Kaffeediskussionen echte Glaubenskriege unter Betreiber.innen auslösen können. So ähnlich war das auch in unserem Fall. Ich war eine leidenschaftliche Verfechterin einer großen Kaffeemaschine, mit der man nach allen Regeln der Kunst Kaffeespezialitäten zubereiten können sollte. Ein anderer plädierte für das Modell einfache Haushaltsmaschine. Dies Diskussion ging hin- und her und wir konnten uns nicht so recht einigen. Es blieb einer von vielen offenen Punkten, die wir zu einem anderen Zeitpunkt bearbeiten wollten. Vorerst…

Was dann half das Thema zu beschleunigen, war das Finden eines Raumes, den wir als geeignet betrachteten, um gemeinsam das Experiment zu wagen. Da alles furchtbar schnell ging und auch noch mitten in der Urlaubszeit passierte, konnten wir von den vielen Plänen so gut wie nichts umsetzten. Was blieb uns also anderes übrig, als mit der Minimalausstattung zu starten. Und das war dann grob zusammengefasst ein Raum mit 10 Tischen, 10 Stühlen, W-Lan, Haushaltskaffeemaschine und Wasserkocher. 

Ich schäme mich für mein Minimalprodukt

Mir war ganz schön mulmig als ich den ersten Tag offen hatte. Was würden die Leute sagen, die kommen? Wäre das nicht furchtbar peinlich sie mit so einem nackten Raum zu empfangen? Nun ja, am ersten Tag kam niemand. Am zweiten auch nicht. Und auch am dritten Tag war ich noch alleine. Da musste ich das erste Mal über mich schmunzeln. Hatte ich wirklich geglaubt, dass die ganze Welt vor der Tür stehen würde, nur weil ich sie aufschließe? Dann kamen nach und nach die Leute und ich zeigte ihnen mein Minimalprodukt. Manchmal eher entschuldigend als stolz, um ehrlich zu sein. 

Alles da was man braucht

Was für mich den Wendepunkt brachte, war ein Entwickler, der sich bei uns eingemietet hat. Er ging herum, schaute sich alles an und unterschrieb dann gleich eine große Mitgliedschaft mit den Worten „Ist erstmal alles da, was ich zum Arbeiten brauche.“. Ja, da hatte er Recht. Von da an war ich selbstbewusster und fragte potentielle Interessenten was sie sich den wünschen würden. Und ich lernte sehr viel über das was Nutzer sagen, was sie wollen und das was sie dann wirklich brauchen. 

Nach ein paar Wochen war klar, dass wir auf jeden Fall eine Schalldämmung benötigen würden, da uns sowohl tagsüber als auch bei Veranstaltungen der Hall störte. Also war das der nächste Punkt der dazu kam. Und um es gemütlicher zu haben und auch Sachen unterbringen zu können, haben wir als nächstes Regale gekauft. Diese fungierten als Raumtrenner und Lagerfläche ausgezeichnet. 

Von den Nutzern gelernt

Und ich lernte weiter indem ich unsere Nutzer.innen beobachtete. Was wollten sie tun und konnten es aufgrund der Gegebenheiten nicht? Wonach haben sie gegriffen und es war nicht vorhanden? Wo hielten sie sich auf und was passierte wenn man an der Stelle etwas veränderte? So pirschte ich mich Experiment für Experiment gemeinsam mit den Nutzer.innen an den Raum heran, den wir alle zum Arbeiten gut fanden.

Im Laufe der Zeit kamen diverse Sitz- und Ruhemöglicheiten, eine Telefonkabine, eine große Terrasse mit Sitzgelegenheit und Pflanzexperimenten und viele liebevolle Kleinigkeiten dazu, die dafür sorgten, dass es wirklich der Raum der Menschen war, die dort arbeiteten. Mit jeder Frage, die uns gestellt wurde, wurden wir besser darin zu hinterfragen, was wirklich benötigt wurde und so die Anforderungen an diesen Raum besser zu verstehen.

Warum? Darum!

Und ich habe gelernt, dass Leute manchmal auch nur nach etwas fragen, was sie immer schon so gehabt haben und gar nicht darauf kommen, dass man das auch anders machen kann. Ein Kollege aus einem anderen Coworking Space erzählt, dass oft Leute kommen und fragen, ob er Teambüros vermietet die eine bestimmte Quadratmeterzahl haben. Und wenn er dann nachfragt wofür sie das benötigen, sagen die Leute immer, dass sie jetzt ein Büro mit diesen Quadratmetern haben und es daher wieder suchen. Er nimmt sich dann immer die Zeit zu verstehen was sie dort tun wollen und wie oft sie das tun. Und häufiger als man denkt kommt heraus, dass die Leute dann erst darüber nachdenken welche Funktion dieser Raum für sie haben soll und dann manchmal mit neuen Ideen im Kopf nach Hause gehen. 

Natürlich musste ich auch lernen, dass meine vielen Ideen zwar toll waren, aber ich auch immer viel zu weit voraus gedacht habe. Das ist ehrlich gesagt nicht immer leicht. Schließlich sind wir alle darauf trainiert Dinge möglichst gut zu durchdenken, so dass sie am Ende perfekt sind. Ich habe lernen müssen, dass ein „nicht jetzt“ kein „nein“ ist. Oft habe ich es so empfunden und erst mit der Zeit gelernt, dass diese klare Priorisierung unglaublich viel Kraft hat. 

Und wisst ihr was ich noch gelernt habe? Dass die meisten Leute bei uns lieber Tee getrunken haben. Was sagt man dazu…

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