Wenn ich Zeit habe und es nicht gerade Winter ist, findet ihr mich auf meinem Balkon als Gärtnerin wieder. Diese Liebe dauert schon lange an, denn bereits als Kind bin ich gerne im Garten gewesen und habe in der Erde gewühlt und gegärtnert. Meine Oma hat dann immer gesagt „Die wird auch mal aus Liebe Gärtnerin.“ Und mit der Zeit habe ich vieles gelernt, was mir auch in der Begleitung von Menschen, die agil arbeiten wollen, von Nutzen ist.

Neulich zum Beispiel, besuchte ich die Herrenhäuser Gärten in Hannover. Klassischerweise fingen wir mit dem großen Garten an. Dieser zählt zu den bedeutendsten Barockgärten Europas und hat mich schon immer fasziniert mit seinen sorgfältig angelegten und in ihrer Klarheit schönen Anlagen. Diese Barockgärten waren Teil des architektonischen Gesamtkunstwerkes der Anlagen. Auf Wikipedia kann man nachlesen, dass die Fürsten, die diese Anlagen anlegen ließen, mithilfe der gebändigten Natur Macht und Wohlstand ausdrückten. Manchmal erforderte die Pflege dieser Anlagen tausende von Gärtnern und somit waren die Schlösser und ihre Anlagen wichtige Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktoren. Alles in diesen Anlagen ist sehr strukturiert, hat seinen Platz und seine Funktion.

Anlagen wie Herrenhausen erinnern mich an Organisationen, wie wir sie heute kennen. Dinge sind gut strukturiert, es gibt eine klare Aufgabenteilung und manchmal gibt es sogar Fürstinnen und Fürsten. Diese Organisationen sind erfolgreich und ein wichtiger Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor. Und sie brauchen zur Aufrechterhaltung ihrer Pracht viele Menschen, die diese ganzen Dinge hegen und pflegen – also gärtnern. All diese Strukturen und Prozesse sind oft ebenfalls mit viel Hingabe geschaffen worden.

Schön und doch ganz anders…

Auch schön, auch angelegt, aber trotzdem ganz anders stellt sich für mich der Besuch des benachbarten Berggartens dar. Dieser hat seine Funktion im Laufe der Jahrhunderte mehrfach verändert. Ursprünglich diente er dem Gemüseanbau. Kurfürstin Sophie wandelte ihn dann in ein Experimentierfeld für die Anzucht südländischer Pflanzen. Dieses Experiment scheiterte zwar bei dem Anbau von Reis, gelang aber für Tabak und Maulbeerbäume. Bis heute hat der Berggarten sich ständig gewandelt. Er ist für mich nicht weniger schön, sondern einfach ganz anders als der große Garten. Es gibt dort vielfältige Gärten zu sehen, ob den Irisgarten, den Staudengarten, die Orangerie, die Moorlandschaft oder die Orchideensammlung. Und gemeinsam wirkt es dann mindestens so harmonisch wie der große Garten.

Und dieser Garten erinnert mich dann wiederum an Organisationen, die agil sind. Diese heißen die sich Ihnen bietenden Veränderungen willkommen und verstehen Sie zum Wohle Ihrer Auftraggeber.innen/Kund.innen zu nutzen. Sie starten ein Experiment und entwickeln, je nach Ausgang, von dort aus weiter.

Diese beiden Gärten sind Teil eines großen Ganzen. Und oft ist dies auch in Organisationen so. Es gibt Teile, die sind eher wie der große Garten mit ihren Standards, ihren Prozessen und ihren Strukturen. Dies hat seine Berechtigung und man kann mit Methoden, die für einfache oder komplizierte Systeme gedacht sind, wunderbar darin arbeiten. Und dann gibt es die Teile in denen es angebracht ist mit anderen Methoden vorzugehen, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen. Wichtig finde ich, dass man sich das immer wieder bewusst macht, wenn man in Organisationen arbeitet, die nicht komplett der einen oder anderen Arbeitsweise zuzuordnen sind. Dies ist beispielsweise während einer agilen Transition der Fall.

Damit man das Gesamtkunstwerk, also beide Teile der Organisation mit jeweils unterschiedlichen Arbeitsweisen wirkungsvoll begleiten kann, ist wiederum ein Blick in den eigenen Garten nützlich.

Tipps für erfolgreiche Gärtner.innen und alle, die agil arbeiten (wollen)

  • Das Gras wächst nicht schneller wenn man dran zieht. Gärtnern lehrt mich Geduld zu haben. Es gibt Dinge, die ich nicht beschleunigen kann. Egal wie sehr ich mir das wünsche. Manche Entwicklungen brauchen einfach Zeit. Im übertragenen Sinne also nicht nach der dritten Retro fragen, welche umwälzenden Veränderungen sich ergeben haben, sondern den Dingen die Zeit lassen, die sie nun mal brauchen.
  • Ich kann nicht alles kontrollieren. Es hilft nichts wenn ich auf die Erdbeere einrede, sie möge sich jetzt doch bitte beeilen mit dem reif werden, dann für morgen ist Regen angesagt. Ich kann alles möglichst gut vorbereiten und einen günstigen Rahmen schaffen (Stroh unter die Pflanze legen, sie schön sonnig stellen), aber es gibt so viele Dinge im Umfeld, die ich unmöglich kontrollieren und beeinflussen kann. Ich muss mit dem umgehen, was sich mir präsentiert. Und dabei hilft die Unterscheidung dessen, was ich gestalten kann und dessen was ich als gegeben annehmen muss, um die Energie in die richtigen Kanäle einfließen zu lassen.
  • Wenn etwas nicht wächst, gebe ich nie der Pflanze die Schuld. Klingt logisch, oder? Im Garten schauen wir ob der Standort nicht passt, sie gedüngt werden muss oder was sonst im Umfeld dafür sorgt, dass sich eine Pflanze nicht wie gewünscht entwickelt. In so mancher Organisation wird aber im übertragenen Sinne immer noch auf die Pflanze massiv eingewirkt, also den Menschen, der dort nicht „funktioniert“. Wir könnten noch mehr darauf schauen, welchen Rahmen es braucht, so dass dieser Mensch sich einbringt. Nicht umsonst endet eines der agilen Prinzipien mit der Empfehlung „….ihnen die Unterstützung und das Umfeld zu geben, dass sie brauchen.“
  • Alles hat seine Zeit. Ich säe im Frühjahr, pflege im Sommer, ernte im Herbst und ruhe im Winter. Was uns im Garten selbstverständlich vorkommt, wird manchmal nicht ausreichend in Organisationen berücksichtigt. Oft erlebe ich, dass permanent das Feld bestellt und ausgesät wird, dann aber die Pflege vorzeitig abgebrochen wird. Die Folge sind Ernteausfälle. Bevor wir das nutzen oder stabilisieren können, was wir gerade gestartet haben, wir die nächste Initiative gestartet. Immer wieder zu priorisieren und sich zu fragen „was ist jetzt dran“, hilft, nachhaltig zu arbeiten.
  • Meisterschaft braucht Übung. Als ich vor acht Jahren einzog, hatte ich keine Ahnung was auf dem Balkon gedeihen würde. Jedes Jahr habe ich ein Stück mehr dazu gelernt und etwas Neues ausprobiert. Mal mit weniger Erfolg (Tomaten im zweiten Jahr), mal mit mehr Erfolg (Zitronen und Minze im siebten Jahr). Mittlerweile kann ich ganz gut einschätzen was bei mir wächst. Und in diesem Jahr war und ist der Balkon eine wahre Pracht. Genau so verhält es sich mit der agilen Haltung und der Arbeitsweise. Die Menschen in einer Organisation müssen üben können, agil zu denken und zu handeln. Mal gelingt das besser und mal schlechter. Und Anfänger sind (noch) keine Meister. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen, sollte man frühzeitig damit anfangen, Menschen in der eigenen Organisation auszubilden.

Für mich haben Gärtnern und agile Transition noch eines gemeinsam. Es braucht einen liebevollen Umgang mit den Lebewesen, die ich begleite. Der Weg zu mehr Agilität im Unternehmen braucht viel Mut, um neue Dinge zu lernen. Und lernen kann ich am besten, wenn ich mich sicher und wohl fühle. Und das möchte ich den Menschen in Organisationen mit meiner Arbeit ermöglichen.

Da halte ich es ganz mit der Kurfürstin Sophie „Ich liebe meinen Garten.“

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