Ihr kennt das sicher – gemütlich auf dem Sofa ein bisschen Puschenkino, um sich zu entspannen. Und bäng! – der Kopf hat leider eine andere Idee und fängt an zu denken, während man ihn eigentlich gerade mal abschalten wollte. Ich weiß, ich weiß, das ist unter anderem eine Übungssache mit den Gedanken und dem sich von ihnen treiben lassen. Und ja, ich habe Meditation ausprobiert und kann der Stille viel abgewinnen. Aber manchmal, da mag ich mich auch den Gedanken hingeben und nachdenken. Lange nachdenken und so wie in diesem Fall nach ziemlich langer Zeit wieder nachdenken. Und zwar erstaunlicherweise über Lektionen in Agilität.

Der Film, der mich so hat nachdenken lassen, ist der Kinderfilm Nanny McPhee. Es geht darin um einen Witwer, der mit seinen Kindern nicht zurecht kommt und auf der Suche nach einer Nanny ist. Diese taucht dann in Gestalt von Nanny McPhee auf. Die Kinder sind auf den ersten Blick wahrlich ein Sack voller Flöhe, den es zu hüten gilt. Und Nanny McPhee schaut sich um und greift durch.

Dabei hat sie sechs Lektionen, die sie den Kindern im Verlaufe des Films beibringen wird und diese lauten:

  • Bitte und Danke sagen
  • Zu Bett gehen, wenn man es ihnen sagt
  • Aufstehen, wenn man es ihnen sagt
  • Sich anzuziehen, wenn man es ihnen sagt
  • Zuhören – das ist die Lektion, die Nanny McPhee dem Vater beibringt.
  • Genau das tun, was euch gesagt wird

Erstmal beobachten…

Nun ist mir klar, dass eine Nanny und ein agiler Coach unterschiedliche Rollen sind. Schließlich arbeite ich nicht mit einer Horde wilder Kinder, sondern mit Erwachsenen. Aber genau darum habe ich so lange und immer wieder nachgedacht – denn es gibt auch eine Menge Gemeinsamkeiten, die Nanny McPhee und ich in meiner Rolle als agile Coach haben. 

Zum einen kommen wir beide oft in Situationen, in der wir erstmal beobachten müssen: Was läuft da eigentlich? Wer hat welche Rolle? Als agiler Coach beobachte ich auch die Situation und zwar aus einer möglichst neutralen Perspektive. Ich nehme an, dass das was ich beobachten kann, das beste ich, was den Menschen mit denen ich arbeite zur Zeit einfällt, um zusammenzuarbeiten. Was mir dabei immer wieder hilft, ist die Haltung, dass kein Mensch morgens aufsteht und sich überlegt „Hey, wie mache ich denn heute mal den anderen um mich herum das Leben zur Hölle.“ Oder „Heute vergurke ich die ganze Sache mal so richtig!“. Du machst das nicht, ich mach das nicht, also warum sollten wir annehmen, dass Andere es tun.

Als Coach gehe ich z.B. in Retrospektiven davon aus, dass alle Beteiligten zu jedem Zeitpunkt nach bestem Wissen, Gewissen und Kenntnisstand gehandelt haben. Es geht nicht um die Suche nach Schuldigen. Denn das hilft nicht weiter und ist rückwärtsgewandt, anstatt nach vorne zu schauen und Lösungen zu entwickeln. Und genau so macht es Nanny McPhee auch. Es wird nicht lange lamentiert, was in der Vergangenheit alles hätte gemacht werden müssen, um jetzt nicht in dieser Position zu sein. Sondern es wird dort gestartet, wo die Familie gerade steht und von dort aus wird weiter gemacht.

Nicht in die Schuldfalle tappen…

Natürlich kennen wir den Reiz, nach einer Person zu suchen, die den ganzen Schlamassel zu verantworten hat. Puh, dann wären wir es auf jeden Fall schon mal nicht gewesen und sind fein raus. Aber wenn wir einen Moment inne halten, dann wissen wir sehr genau, dass wir, wenn uns mal etwas schief geht, sehr glücklich sind, wenn wir dafür nicht rund gemacht werden. Sondern wenn dann da Kolleg.innen sind, die mit anpacken, damit das was schief gelaufen ist, wieder auf die Bahn kommt.

Versteht mich aber bitte nicht falsch. Rückwärts zu schauen und verstehen zu wollen, was schief gelaufen ist, finde ich wertvoll. Sonst hätte ich wohl nie eine Retrospektive oder einen After Action Review in meinem Leben begleitet. Es steckt sehr viel Kraft darin gemeinsam zu schauen, was hätte besser laufen können, ob es Muster gibt, die einem immer wieder das Leben schwer machen und zu erarbeiten, wie man es anders machen kann. 

Nachdem ich mich Nanny McPhee also in unserer Rolle als Beobachter.in verbunden fühlte, wollte ich erkunden, ob in ihren Lektionen auch was für mich drin steckt. Mein erster Impuls war „Nö, nicht wirklich.“ Aber je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Punkte fand ich, die auch für mich passend waren. Also was war das gleich noch….

Bitte…

Bitte sagen, ist für viele Menschen nicht einfach. Jemand anderem einen Wunsch erfüllen? Na klar, machen wir doch gerne! Aber jemand anderen um Hilfe bitten? Das erlebe ich oft als ziemliche Hürde. „Was denken denn die anderen von mir?“… „Glauben die vielleicht ich kann meinen Job nicht machen?“… „Die haben doch auch alle genug zu tun…“.

Alles Annahmen, die wir treffen und die uns davon abhalten herauszufinden, ob das wirklich so ist. Oft raten wir agilen Teams, ihre Annahmen zu hinterfragen. Dies trifft nicht nur über die Annahmen über ihr Produkt zu. Die Entwickler.innen sollen möglich frühzeitig direkt die Kundschaft um Feedback bitten. Und das ist ja auch eine Bitte, die ich ausspreche. „Liebe Kundin, lieber Kunde, sag mir doch bitte, ob das was wir hier erstellt haben schon in dir Richtung geht, die Du Dir vorgestellt hast?“ Wir wissen, dass wir ohne diese Bitte um Feedback Gefahr laufen, an den Bedürfnissen der Kund.innen vorbei zu entwickeln. Und dass es wertvoll ist diese Bitte regelmäßig zu wiederholen.

Was ich mit Blick auf eine Bitte wertvoll finde, ist ähnlich wie beim Danke. Ich versuche möglichst konkret, um etwas zu bitten. Also eher nicht „Hilf mir bitte beim Backlog erstellen?“, sondern eher „Kannst Du mir bitte helfen meine Anforderungen konkreter zu formulieren?“ Dann kann man sehr viel gezielter miteinander arbeiten und kommt schnell voran.

Damit jemand Anderes genau so glücklich sein kann geholfen zu haben, muss auch jemand da sein, der um Hilfe gebeten hat.

und Danke sagen…

Ja klar, kann nie schaden, oder? Aber wofür bedanke ich mich eigentlich und warum? Es gibt Leute, die bedanken sich einfach für alles. Jede kleine Mail wird erstmal mit einem Danke beantwortet. Das meine ich nicht. Sondern, dass Danke, dass mich wissen lässt, was für mein Gegenüber eigentlich so wertvoll war. Ich habe schon so oft erlebt, dass ich selbst ganz erstaunt war das etwas worüber ich nicht einmal groß nachgedacht habe, für jemand anderen eine Unterstützung gewesen ist. Dadurch, dass ich weiß was genau so hilfreich war, kann ich es bewusster tun oder es verstärken. Also einfach mal im Team überlegen, wofür man sich beieinander bedanken will!

In unserem Blog Artikel „Feiern ihr müsst!“ haben wir daher schon vor einiger Zeit mal ein paar Ideen von Kolleg.innen gesammelt, die dafür nützlich sind.

Zu Bett gehen, wenn man es ihnen sagt…

Zugegeben, ich sage keinem der Menschen, mit denen ich arbeite, dass sie zu Bett gehen sollen! Äh, na ja, also meistens nicht….Aber ich sage Ihnen schon, dass jetzt vielleicht mal eine Pause gut wäre. Oder, dass es wichtig ist, sich immer mal wieder eine richtige Auszeit zu gönnen und nicht über ein Problem nachzudenken. Denn oft ist es doch so, wir grübeln und grübeln und kommen nicht auf eine Lösung. Und kaum machen wir etwas anderes – spielen, Sport treiben, duschen – schwupps, erscheint auf einmal eine Lösung quasi aus dem Nichts. 

Und tatsächlich habe ich als agiler Coach auch schon häufiger Leuten gespiegelt wenn sie mir müde und abgespannt erschienen. Man selbst merkt es einfach ab einem gewissen Punkt nicht mehr so richtig. Man hat sich schon so an den nervigen Zustand gewöhnt, dass man immer müde und gereizt ist, dass man es für den Normalzustand hält. Die Gedanken kreisen, die Kolleg.innen sind halt nervig, die Firma ist eben blöd….Stop, Zeit zu Bett zu gehen oder zumindest Zeit für eine Pause. 

Aufstehen, wenn man es ihnen sagt

Gut, der Fehler aus dem vorherigen Absatz passiert mir nicht noch mal. Und ich habe auch konkret Situationen vor Augen in denen ich Menschen dazu aufgefordert habe aufzustehen, in Bewegung zu kommen. Zwar nicht aus dem Bett, aber von weg von ihren Arbeitsplätzen. Und das kann ich ehrlich gesagt nicht mehr zählen. Natürlich denkt man im agilen Kontext jetzt sofort an das Daily Meeting. Und gerade Teams, die noch am Anfang ihrer agilen Reise sind erkläre ich dann häufig, dass es gut und richtig ist diese Timebox über stehend zu verbringen. Das gilt übrigens genau so für andere Meetings, die in einem kurzen Zeitfenster stattfinden und bei der sich die Teilnehmer.innen auf wesentliche Punkte fokussieren sollen.

Aufstehen eignet sich auch hervorragend, wenn man gedanklich feststeckt. Einfach mal ein paar Schritte gehen und Dinge kommen in Bewegung. Etwas, dass ich auch gerne bei Workshops nutze, zum Beispiel in Form eines gemeinsamen Spaziergangs bei dem sich Teilnehmer.innen über bestimmte Fragestellungen austauschen. Ich habe mir schon häufiger gedacht, dass das Wort „Gedankengang“ sicher nicht umsonst das Gehen enthält.

Sich anzuziehen, wenn man es ihnen sagt…

Hier habe ich ehrlich gesagt am längsten überlegt, was das wohl mit der Agilität und mir zu tun haben könnte. Und dann habe ich mich selbst beim Anziehen für einen Arbeitstag beobachtet. Ich schätze mich sehr glücklich, denn ich darf  selber wählen, wo ich arbeiten möchte. Und jede.r der das auch darf, kennt die Versuchung einfach im Pyjama zu bleiben und drauf los zu arbeiten. Mit der Zeit habe ich für mich festgestellt, dass das nicht gut funktioniert. Wenn ich mich morgens nicht anziehe, dann bleibe ich gedanklich im Wochenend-Schluffi-Modus hängen. Ich komme nicht so richtig auf Tour. Das Ritual sich morgens anzuziehen beinhaltet auch eine gewisse Vorbereitung auf den Tag. Wo will ich hin? Was will ich dort tun? Mit wem werde ich mich treffen? Und so helfen solche Rituale dabei, dem Tag eine Struktur zu geben. 

Diese Rituale und die Struktur, die sie mit sich bringen, kennt man aus dem Scrum Rahmenwerk nur zu gut. Jedes Ereignis folgt in sich einer Struktur und gemeinsam bilden sie den Scrum Flow, der wiederum der gesamten Zusammenarbeit eine Struktur verleiht.

Ich kann mich darauf verlassen, dass ich mindestens einmal alle 24 Stunden beim Daily die Möglichkeit habe mich mit den Kolleg.innen zu koordinieren. Und ich weiß, dass ich mit den anderen am Ende eines Sprints unsere Ausbaustufe inspiziere, mir Gedanken dazu mache, was wir für die weitere Entwicklung gelernt haben und auch wie wir uns in der Zusammenarbeit weiter verbessern. Und am Anfang des Sprints bereite ich immer unsere Arbeit für den kommenden Sprint vor. Dadurch, dass ich diese Struktur sogar zeitlich festlege, reduziere ich die Komplexität für die Organisation und kann den Rest der Zeit in Ruhe arbeiten. 

Zuhören…

Okay, das ist so eine Sache bei dem sich alle sofort einig sind. Ja, zuhören! Das ist wirklich wichtig. Da sind sich auch Nanny McPhee und ich uns sofort einig. Und trotzdem gibt es tatsächlich diese drolligen Tipps, wie man seinem Gegenüber signalisieren soll, dass man zuhört (Kopfnicken, gelegentliches „Hmmmm, ja,…“). Anstatt sich darüber einen Kopf zu machen, wie ich dem anderen ein bestimmtes Gefühl vermittele, ist aus meiner Erfahrung viel hilfreicher sich darüber Gedanken zu machen was es braucht, um wirklich einem anderen Menschen zuzuhören.

Es fängt immer damit an, dass ich wirklich neugierig darauf bin, was der/die andere mir mitteilen möchte. Dabei ist es egal, ob die Kundin mir erzählt, was sie von mir braucht oder mich ein Kollege um eine Einschätzung bittet. Je mehr es mir gelingt meinen Fokus auf das Hier und Jetzt zu lenken, desto besser kann ich zuhören. Wenn ich nämlich nicht schon im Kopf eine Antwort formuliere, bin ich empfänglich dafür, wie mein Gegenüber spricht. Welche Worte zum Einsatz kommen zum Beispiel. In welcher Stimmlage gesprochen wird. Ob jemand einen Schwall Worte heraussprudelt oder nach den richtigen Worten suchen muss. Ich kann viel mehr erfahren, wenn ich tatsächlich und mit ganzer Aufmerksamkeit zuhöre. 

Nicht umsonst ermutigen wir in den Methoden, die wir nutzen darauf hin, sich nur auf das Zuhören zu konzentrieren. Die kollegiale Beratung ist dafür ein schönes Beispiel. Das kommt das Zuhören nämlich auf beiden Seiten gezielt zum Einsatz. Einmal wenn der/die Fallgeber.in spricht und alle anderen aufgefordert sind, gut zuzuhören. Und dann anders herum wenn alle Fragen beantwortet sind wenn der/die Fallgeber.in die Hypothesen der anderen hört. Wer das Format schon mal genutzt hat, weiß wovon ich schreibe. Und allen anderen lege ich es ans Herz es auszuprobieren. Hier ist eine ausführliche Beschreibung dazu: Kollegiale Beratung

Genau das tun, was euch gesagt wird…

Das liegt jetzt in Sachen Agilität quasi auf der Hand. Wir bitten unseren Kunden um Feedback (Bitte sagen), hören gut zu, was wir gesagt bekommen (Zuhören) und setzen dann die Wünsche unseres Kunden um. Und zwar genau so, wie es uns gesagt wurde, richtig? Nun ja, so einfach ist das in der Praxis nicht. Es ist schon eine Kunst, die man mit der Zeit entwickelt und verfeinert so zu fragen und nachzuhaken, dass man wirklich dahinter kommt, was das Gegenüber braucht. Und genau deswegen arbeiten wir iterativ und inkrementell. Ich entwickele das, was ich verstanden habe was benötigt wird. Damit hake ich dann nach und gebe dem anderen die Chance zu schauen, ob wir uns auf Anhieb richtig verstanden habe. War das nicht der Fall, kann ich frühzeitig den eingeschlagenen Weg korrigieren. Und wenn es richtig war, entwickele ich die nächste Ausbaustufe. 

Wie ihr also lesen könnt, hat Nanny McPhee mich sehr viel länger mit ihren Lektionen beschäftigt als gedacht. Aber das ist sicherlich auch die Kunst eines guten agilen Coaches. Die Dinge, so zu gestalten, dass sie lange wirken. Denn irgendwann ist unsere Begleitung zu Ende. Und dann soll etwas von dem was wir vermittelt haben bleiben.

Das ist übrigens die letzte Gemeinsamkeit von Nanny McPhee und mir. Sie sagt den Kindern „Wenn ihr mich braucht, aber nicht wollt, dann muss ich bleiben, wenn ihr mich aber wollt, aber nicht mehr braucht, dann muss ich gehen.“ Und nicht selten habe ich es erlebt, dass Teams an Anfang skeptisch waren, ob ein Coach sie tatsächlich weiterbringt oder zum Teil sogar davon genervt waren. Und jeder gute Coach weiß, dass irgendwann der Punkt kommen kann, an dem das Team gut allein weiter machen kann und allerspätestens dann ist Zeit für uns zu gehen.

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