Coworking und Agilität sind für mich eindeutig miteinander verwandt. Denn sie haben in ihrer DNA vieles gemeinsam. Das ist beim Betrachten der jeweiligen Manifeste sofort zu erkennen.

Das Agile Manifest ist das ältere Geschwisterkind, wurde es doch ein gutes Jahrzehnt (2001) vor dem Coworking Manifest (2012) geschrieben.

IT macht moderne Arbeitsformen erst möglich

Viele Arbeitsformen, die ich relativ selbstverständlich nutze, sind erst durch die Entwicklungen in der IT möglich geworden. Ich kann mir kaum noch vorstellen, wie ich meine Arbeit ohne E-Mails, gemeinsame Laufwerke, Videokonferenzen und das Internet erledigen würde.

Genau dem trägt das Coworking Manifest Rechnung. Es sagt, dass diese Technologien die Zusammenarbeit, die wir für die Herausforderungen der Zukunft brauchen erst möglich machen. Und wer kennt das nicht, dass die älteren Geschwister vieles für die Jüngeren erst möglich machen. Schließlich war Agilität im Ursprung eine Methode zur Softwareentwicklung.

Coworking und Agilität schaffen den Rahmen

Beide Manifeste ähneln sich darin, dass sie Räume und Rahmen für Menschen schaffen, in dem etwas möglich wird. Sie beschreiben Prinzipien nach denen gearbeitet und miteinander umgegangenen wird. Wie das dann im Detail aussieht, muss dann jede.r für sich selbst herausfinden. Doch lest selbst:

Agile Manifesto
We are uncovering better ways of developing software by doing it and helping others do it.

Through this work we have come to value:

  • Individuals and interactions over processes and tools
  • Working software over comprehensive documentation
  • Customer collaboration over contract negotiation
  • Responding to change over following a plan

Coworking Manifesto
We have the talent. We just need to work together. Different environments need to overlap, to connect and to interact in order to transform our culture. In order to create a sustainable community based on trust, we value:

  • collaboration over competition
  • community over agendas
  • participation over observation
  • doing over saying
  • friendship over formality
  • boldness over assurance
  • learning over expertise
  • people over personalities
  • "value ecosystem" over "value chain"

 

Diesen Fokus auf den Rahmen habe ich schon häufig als sehr wertvoll erlebt. Sowohl in meiner Arbeit als Führungskraft, wie auch als Facilitatorin und als Community und Coworking Space Managerin. Sowohl in der agilen als auch in der Coworking-Community treffe ich aber leider immer wieder auf Menschen, die sich nie mit dem Manifest ihrer Arbeitsform und den sie unterstützenden Prinzipien auseinander gesetzt haben.

Agilität = schneller? Coworking = schick?

So hört man immer mal wieder, dass agiles Arbeiten zum Ziel hätte, dass alles schneller wird und man halt einfach das macht, was jede.r für richtig hält, denn dann sei man ja total flexibel.

Gleichsam hört man von Menschen, die sich das Schild Coworking an die eigene Tür hängen, dass sie jetzt auch einen großen Tisch haben, an den sich alle setzten können und ein paar coole Möbel. Bei beiden Arbeitsformen kann man vielleicht diese Dinge beobachten. Aber sie sind eher Folgen von dem Handeln nach den Prinzipien, als das Prinzip selber.

So einfach ist es nicht...

So geht es beim agilen Arbeiten nicht darum, schneller mit allem fertig zu werden. Es geht darum, schneller als mit anderen Arbeitsweisen dem Kunden etwas von Wert liefern zu können, so dass man frühzeitig eine Rückmeldung bekommt, was der Kunde möchte und dann in die richtige Richtung weiterentwickeln kann. Und beim Coworking kann es schon sein, dass ich die Arbeitsumgebung als cool empfinde, aber viel wichtiger ist, dass sie meinen Bedürfnissen gerecht wird und viel ermöglicht und kaum etwas verhindert. Wenn das durch ein Designmöbel gegeben wird, kann ich es natürlich nutzen, aber in vielen Spaces begegnen einem auch viele DIY-Lösungen, die die Bedürfnisse ebenso gut erfüllen.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist für mich, dass es unmöglich ist, über das reine Kopieren von vermeintlichen Good Practices diese Art zu Arbeiten zu etablieren. Im Coworking gab es in den letzten Jahren zunehmend Anfragen an die Spaces, dass Unternehmen Touren buchen wollten, um sich anzuschauen, wie das mit dieser neuen Arbeitswelt denn so geht. Was häufig dabei herauskommt ist, dass man stolz verkündet jetzt einen Kickertisch gekauft zu haben und auch so schicke Sitzsäcke habe. Und nach einer Weile staubt dann beides ein. Nachhaltig geändert hat sich nichts.

Von Unternehmen, die agil arbeiten wollen hört man dann häufig: „Wir haben auch so ein Kanban Board und machen Retros, sind da aber ganz undogmatisch“. Und dann heißt es kurze Zeit später, dass agil nicht funktioniert und man damit wieder aufgehört hat.

Beobachten reicht nicht aus.

Das Problem ist das reine Beobachten. Ich nehme an, dass ich anderes Arbeiten bei so einem Besuch beobachten und verstehen kann. Also schaue ich mir an, was die Leute machen und mache das dann bei mir auch, müsste doch klappen, oder? Das Kniffelige daran ist, dass ich mir nur ein Ergebnis ansehe oder Verhalten beobachte. Was sind denn da so Sachen, die Besuchern direkt ins Auge fallen, wenn sie sich die Umfelder anschauen?

Im Coworking-Space haben alle ein Laptop, häufig Kopfhörer auf und trinken den ganzen Tag Kaffee. Und in den agilen Offices hängen bunte Poster, sind wahnsinnig viele Post-Its an den Wänden und die Entwickler.innen haben riesige Bildschirme.

Die Denkmuster und Glaubenssätze zählen

Aber erst wenn ich mir Zeit nehme und Gespräche und Auswertungen mit einplane, kommen die Denkmuster und Glaubenssätze zutage, die dem Beobachteten zugrund liegen. Dann wird klar, dass ein Kickertisch die Unternehmenskultur nicht ändert. Sondern, dass die Änderung die Haltung zur Arbeit ist. Denn die Menschen, die ich im Coworking und auch in agilen Kontexten treffe, haben eines ganz klar verinnerlicht: Arbeit ist eine Tätigkeit und kein Ort. Diese Tätigkeit kann ich dank der heutigen Technik in vielen Bereichen überall tun. Und es gibt Orte und Ausstattung von Orten, die mir helfen meine Arbeit besser zu tun.

Und ich folge dem, was ich brauche, um gut arbeiten zu können. Merke ich, dass ich nicht mehr gut voran komme, dann gehe ich an den Kickertisch und spiele eine Runde mit meinen Kollegen, weil ich verstanden habe, dass sich dann der Knoten im Kopf bei mir schneller löst. Und tue ich das in einem Umfeld im dem für diese Art zu Arbeiten Verständnis da ist, dann schaut mich keiner merkwürdig an und ich kassiere auch keine Sprüche dafür, dass ich spiele so lange ich das als kompetenter erwachsener Mensch für richtig halte.

Denn auch das ist ganz klar: ich habe Lust die Verantwortung für eine Aufgabe zu übernehmen, denn ich habe mich verpflichtet abzuliefern was ich versprochen habe. Dies sind aber Einstellungen, die ich nicht auf den ersten Blick sehen kann. Diese entdecke ich nur, wenn ich bereit bin, unter die Oberfläche zu schauen und meine Arbeitsweise und meine Annahmen über das, was Arbeit ist, in Frage zu stellen.

Mein persönliches Aha-Erlebnis

Mein ganz persönliches Aha-Erlebnis hatte ich, als ich mich nach langer Konzerntätigkeit selbstständig gemacht habe. Aus reiner Gewohnheit habe ich mich morgens an den Rechner gesetzt und „gearbeitet“. Mein Mann kam dann in unser Büro, setzte sich neben mich an seinen Rechner, klappte ihn nach 15 Minuten zu und ging weg. Ich bin ihm dann neugierig hinterher gegangen und habe ihn vor der Playstation wiedergefunden. Und war zutiefst erschüttert und beunruhigt.
„Hast Du nicht dieses wichtige Projekt, dass Du heute fertig haben musst?“
„Ja.“
„Und bist Du schon fertig?“
„Nein.“
„Willst Du dann nicht lieber weiterarbeiten?“
„Geht gerade nicht.“
„Was meinst Du denn damit?“
„Ich muss mir etwas ausdenken und jetzt gerade küsst mich die Muse nicht, wenn ich vor dem Rechner sitze, kein guter Zeitpunkt.“

Ich spürte, wie ich nervös wurde. Aber ich bekam auch eindeutige Signale, dass dieses Gespräch jetzt beendet ist und er sich aufs FIFA-spielen konzentrieren musste.

Im Laufe dieses Tages hat mein Mann noch viele Dinge gemacht, die mich völlig fertig gemacht haben und dabei war es noch nicht mal mein Job, der da fertig werden sollte. So gegen 16 Uhr ging ein Strahlen über sein Gesicht und er meinte „Brauche jetzt mal einen Moment meine Ruhe.“, hat sich vor seinen Rechner gesetzt und gut 90 Minuten in die Tasten gehauen mit lauter Musik auf den Ohren. Danach war er zutiefst zufriedenen. Denn er hat dem Kunden eine wirklich gute neue Idee und das Konzept für die Umsetzung geliefert.

In den 90 Minuten vor dem Rechner, hat sich alles zusammengefügt was den ganzen Tag an Ideen entstanden, wieder verworfen, neu aufgegriffen und verfeinert wurde. Er hat sich das Umfeld/den Rahmen gesucht, der ihn bei seiner Arbeit ideal unterstützt hat und hat am Ende abgeliefert. Ich aber habe anfangs nur jemanden gesehen, der vor seiner Playstation sitzt anstatt zu arbeiten. Seine Sicht auf kreative Arbeit ist mir erst durch viele Gespräche bewusst geworden und dadurch auch meine Sicht und meine beschränkte Möglichkeit, etwas verstehen zu können, wenn ich nur zuschaue.

Es selbst tun!

Und da ist wieder eine Gemeinsamkeit von Coworking und Agilität. Bei beiden wird betont, dass das machen das ist, was wichtig ist. Heißt es im agilen Manifest an einer Stelle „….indem wir es selber tun und anderen dabei helfen“, so wird es im Coworking Manifest mit dem simplen „Doing over saying“ und „Participation over observation“ beschrieben.

Ihr merkt schon, ich könnte jetzt noch seitenweise darüber bloggen, was die beiden gemeinsam haben. Aber viel lieber möchte ich dazu einladen, sich mit den Werten und Grundprinzipien dieser beiden Arbeitsformen näher auseinanderzusetzen. Denn das, was dann zu Recht von begeisterten Anwender.innen als die Kraft der Arbeitsweise beschrieben wird, tritt nur dann in vollem Umfang zu Tage. Wenn wir euch dabei unterstützen können, sprecht uns gerne an.

Foto: Artem Bali/pexels.com