Es ist schon ein Drama. Die Medien sind voll von davon und unsere eigene Erfahrung bestätigt: Viele Entscheidungen werden auf scheinbar irrationalen Grundlagen getroffen. Häufig wird dann erstmal auf die geschimpft, die die Entscheidungen treffen und nicht selten wird mit Häme reagiert. „Wie kann man sich nur so dusselig verplanen!“ Dabei ist es doch mal ganz interessant, zu verstehen, welche Mechanismen da systematisch am Wirken sind. Unterliegt das Entscheidungsverhalten tatsächlich irrationalen Kräften oder verstehen wir nur nicht richtig, wie wir Denken, wenn es darum geht die Zukunft zu planen?

Wie planen wir die Zukunft? Ein Blick in die Ur-Mathematik

Ein interessanter Versuch aus der Welt der Mathematik gibt Aufschluss: Wissenschaflter_innen haben haben sich darin mit der Mathematik indigener Völker beschäftigt und das Zahlenverständnis der Munduruku Indianer im Amazonas untersucht. Hier ist der Versuchsaufbau:

Stellen Sie sich vor, sie sehen dieses Bild auf einen Bildschirm vor sich:

punktwolke

Jetzt werden Ihnen Punktewolken gezeigt und Sie sollen Ihren Finger dort auf der Linie positionieren, wo die jeweilige Punktewolken hin gehört.

Der Wissenschaftler Stanislaw Dehaene hatte diese Aufgabe erwachsenen Munduruku gestellt, die keine mathematische Bildung im westlichen Sinn hatten und über ein rudimentäres Zahlenvokabular verfügten (Log or linear? Distinct intuitions of the number scale in Western and Amazonian indigene cultures, Science. May 2008). Die Munduruku ordneten die Punktewolken nicht linear an, sondern wie auf einer logarithmischen Skala. Wolken mit 2 oder 3 Punkten hatten deutlich mehr Abstand untereinander als Wolken mit etwa 8 und 9 Punkten. Bei früheren Studien mit Vorschul-Kindern aus westlichen Ländern wurden ähnliche Ergebnisse beobachtet. Eine Kontrollgruppe von Erwachsene aus dem Raum Boston, mit denen das Team von Dehaene den mit den Munduruku durchgeführten Test wiederholte, teilte die Punktewolken dagegen linear in gleichen Abständen ein, die 5er Wolke lag genau in der Mitte.

Skala

Hier die Schlussfolgerung von Dehaene: „ ,Offensichtlich können Menschen Zahlen auf zwei verschiedene Arten räumlich sortieren‘ (…) Die logarithmische Methode sei die intuitivere, sie sei Ergebnis der Primatenevolution. Menschen würden sie immer noch nutzen, solange sie über kein mathematisches Handwerkszeug verfügten. ‚Durch [mathematische] Bildung erlernen wir auch lineares Skalieren.‘ „(Zitiert nach „Numerator – Tief in uns schlummert der Logarithmus“, Holger Dambeck, Spiegel Online vom 01. Juni 2008)

Unser Gehirn „denkt“ logarithmisch: Nähe ist wichtig!

Für unser Gehirn, als Produkt der Evolution, gilt: 1 ist wichtig, 2 ist wichtig, 3 ist schon weniger wichtig… und ob wir mit 10 oder 80 Schlangen, Löwen oder feindlichen Kriegern konfrontiert werden ist fast schon völlig unwichtig. Heute ein voller Bauch ist erheblich attraktiver als die Erwartung eines vollen Bauchs in 2 Wochen. Und diese ‚Voreinstellung‘ des Gehirns gilt auch für unsere räumliche Wahrnehmung. Was in einem Kilometer Entfernung passiert ist weniger wichtig, als die Geschehnisse in unserer unmittelbaren Umgebung.

Kleine Mengen, uns nahe Dinge und Ereignisse werden also überproportional differenziert wahrgenommen, die Wahrnehmung entfernterer Dinge und Ereignisse können wir nur grob sehen und einschätzen.

In der modernen Arbeitswelt wird das gern vergessen: Wir planen Großprojekte über Jahre, versehen Strategien mit KPIs, die in 5 oder 10 Jahren erfüllt sein sollen, stellen Millionenbudgets ein und unterschreiben komplizierte Verträge und Leistungsvereinbarungen. Wir denken, unsere Wahrnehmung der Welt sei linear und können dabei nur Fehler machen. Wer kennt nicht den Entscheider, der ohne mit der Wimper zu zucken Millionenbudgets freigibt, aber bei den Kosten für einen kleinen Einzelposten zäh nachfragt und verhandelt? Das eine ist vorstellbar, das andere nicht: keine böse Absicht, sondern logarithmisches Denken.

Agiles Planen als Kulturtechnik?!

Können wir diese Mechanismen ändern? Eher nicht. Aber wir können unsere Kulturtechniken justieren und sie der tatsächlichen Logik unseres Denkens anpassen. Das heißt konkret: Weg von überkomplexen und langfristigen Zeitplanungen, Riesenbudgets, Vertragskonvoluten und uferlosen Leistungsbeschreibungen. Hin zu mehr logaritmischem Planen und Handeln und mehr Raum für das, was uns als Spezies überhaupt erst soweit kommen ließ: Ausprobieren, lernen, nachjustieren und wieder ausprobieren.

Dieser Blogartikel ist zuerst auf www.learnical.com erschienen (24. November 2014) – Version 1.1.