Zukunft des Lernens (1.1)Vor Kurzem hatte ich eine spannende Anfrage bekommen… Es wurde für einen ‚Design Thinking‘ Workshop ein Experte gesucht, der sich zum Thema ‚Wie wollen wir in Zukunft lernen‘ von den Teilnehmer.innen befragen lässt. Auf Skype, vom Seminarraum aus, für 10 Minuten…

Das ist dabei herausgekommen:

Wir werden in Zukunft natürlich immer noch genauso lernen, wie schon seit 100.000 Jahren. Unser Gehirn hat sich in der Zeit nämlich kaum verändert, ebenso wie die Anatomie und die prozessualen Verarbeitungsmuster beim Lernen im Wesentlichen gleich geblieben ist.  Aber darum ging es im Workshop ja auch nicht. Sondern um die Frage: wie wollen wir das Lernen gestalten? Wie soll Schule, Seminarraum, Lernumfeld konkret aussehen? Welche Curricula, welche Trainingsmethoden und welche Medien sollen zum Einsatz kommen? Und natürlich: Was sagen Expert.innen dazu, wie das aussehen wird?

Wenn wir die Mechanismen des Gehirns wirklich zur Grundlage des Lernens in Zukunft machen wollen, sollten wir folgendes tun, bzw. lassen:

Angebote, die zum Lerntyp passen

Studien sagen, dass fast die Hälfte aller Menschen eher introvertierte Typen sind, die sich in Gruppen zwischen ‚eher unwohl‘ und ‚furchtbar unwohl‘ fühlen. Plenumsdiskussionen, Gruppenarbeiten, Brainstormig Sessions, Präsentationen und Feedback vor Anderen bedeutet für sie Angst und Stress. Wir lernen unter Angst und Stress nicht gut. Inhalte, die unter Angst oder Stress gelernt werden, lösen beim Abrufen des Gelernten wiederum Angst und Stress aus.

In zukünftigen Lernsituationen viele Angebote machen, aus denen Teilnehmer.innen typengerecht wählen und in denen sie wirklich lernen können! Angst und Stress vermeiden!

Jedes Alter hat seine eigene Art zu lernen

Gehirne verlieren in keinem Alter die Fähigkeit zu lernen. Allerdings lernen Gehirne in verschiedenen Lebensaltern unterschiedlich. Jungerwachsen z.B. habe hoch plastizite Gehirne, die sehr schnell viele Fakten kombinieren und zu neuen Erkenntnissen zusammensetzen können (und es beim Lernen auch tun wollen!). Diese Lerngeschwindigkeit nimmt mit dem Alter ab, ebenso wie die Leistung des Arbeitsgedächtnisses. Ältere Menschen lernen anders, weil sie schon viel können und kennen! Sie kombinieren neuen Lerninhalte mit ihren Erfahrungen und können Neues erheblich besser in ihr vorhandenes Wissen integrieren. Allerdings brauchen sie Anknüpfungspunkte für neue Inhalte und die Inhalte müssen auf ihre Erfahrungen passen. Das braucht Zeit… sie lernen langsamer und nur das wirklich Wichtige.

Bei Kindern, Pubertierenden, Jungerwachsenen, Erwachsenen und älteren Menschen jeweils die gleichen Lernmethoden anzuwenden ist disfunktional! Lerninhalte müssen Altersgerecht aufbereitet werden.

Falsche Lehrsätze aufgeben

„Sage mir etwas und ich werde es vergessen, zeige mir etwas und ich werde mich erinnern, lasse es mich tun und ich werde es können“. Dieser gut bekannte Lehrsatz zum Lernen ist… falsch! Wir lernen am besten durch Nachmachen und durch ständiges Aufnehmen und Verknüpfen von Einzelheiten zu Regeln und zu automatischen Verhaltensmustern.  Unsere Spiegelneuronen ermöglichen es uns dabei Fähigkeiten, Fertigkeiten  und Verhalten von anderen ‚einzuspiegeln‘. Wenn Sie Moderator.in werden wollen, schauen Sie sich an, wie jemand moderiert, der es wirklich kann. Oft. Fragen sie ihn oder sie und sprechen sie mit ihm/ihr. Lassen Sie es sich keine Einzelheiten erklären und lernen sie keine Methoden auswendig. Hören sie gute Geschichten und Regeln rund um’s Moderieren. Hören sie viele davon und haben Sie Geduld. Es werden viele Eindrücke vergehen, bevor Sie es können. Wenn etwas gelernt wird, das im Leben wirklich angewendet wird, dann ist es meist von allgemeiner Struktur. Dies sind Regeln, die das Gehirn generiert, und die es anhand vieler Beispiele erworben und gefestigt hat. Und schließlich: probieren Sie erst etwas aus, wenn sie sich danach fühlen. Sonst lernen sie nämlich statt moderieren zu können etwas anderes: Widerstände und Angst zu unterdrücken.

Wirksame Lernmethoden berücksichtigen, wie das Gehirn lernt. Niemand braucht dem Gehirn dabei das Lernen beizubringen, es kann nichts besser und tut nichts lieber!

Lerntechnologien der Zukunft

Meine Expert.innenmeinung dazu? Lerntechnologien können das Lernen auf eine Art und Weise unterstützen, die wir bisher noch gar nicht erfasst haben. Brainstorming funktioniert nicht? Das stimmt… aber nur für ‚reale‘ Gruppensituationen. Im Internet funktioniert Brainstorming fantastisch! Wenn wir kurz davon ausgehen, das Lernen nicht nur in einem Gehirn alleine stattfindet, sondern auch im Raum zwischen Gehirnen… dann haben wir Möglichkeiten wie noch nie zuvor, mit Technologie den Raum zwischen den Gehirnen zu gestalten! Und da wir auch wie noch nie zuvor fundiertes Wissen darum habe, wie genau Gehirne funktionieren, können wir Technologien ganz gezielt auswählen, kombinieren und einsetzen: um mit Begeisterung das zu tun, was wir so gut können: Lernen.

Dieser Blogartikel ist zuerst auf www.learnical.com erschienen (19. Juni 2012) – Version 1.1.

Foto: ‚women underneath lampshade‘ von IS2 / photocase.de